The Hirsch EffektHolon: Anamnesis
Die Band The Hirsch Effekt sind völlig größenwahnsinnig. Indiz 1: wo so manch eine Band bereits mit einem Produzenten verzweifelt, holen sich die drei Hannoveraner einfach mal derer zwei an Bord. Indiz 2: meine grobe Zählung der Gastmusiker auf ihrem aktuellen zweiten Album belief sich auf 32 – inklusive Orchester und Chor. Indiz 3: sie bezeichnen ihren Stil selbst als Experimental-Post-Metal-Punk-Epic-What-Ever-Core.
Scheinbar wollten The Hirsch Effekt mit der wirklich lächerlich hohen Gastmusikeranzahl sowie den zwei Aufnahmeleitern ihr Debütalbum in den Schatten stellen. Keine leichte Aufgabe, wenn einem eine der seltsamsten und bemerkenswertesten Veröffentlichungen des Jahres 2010 gelungen ist. Viel diskutiert, heiß geliebt und leidenschaftlich kritisiert. Ergebnis: größenwahnsinniges Experiment gelungen. »Holon: Anamnesis« ist groß, irre, überwältigend, wunderschön, erschreckend beängstigend, und noch drei bis vier Spuren erstaunlicher als das Debüt.
Sie können immer noch überraschen. Obwohl der Sound klar abgedeckt schien, irgendwo zwischen Blumfeld und The Fall Of Troy. Was ja schon an und für sich absolut irre klingt. Die Band verharrt also im kaum vorstellbaren Spagat zwischen Indie-Pop und Frickel-Metal mit deutschen Texten. Jedoch sind die Zwischentöne aus- und eindrucksvoller geworden. Die Chorpassagen erinnern an Stockhausen. Die Orchesterparts wurden zum Teil wohl in Kirchen und Theatern eingespielt.
Und, wahrscheinlich der wichtigste Punkt von allen, wo das vor zwei Jahren erschienene »Holon: Hiberno« noch eine Songsammlung mit rotem Faden war, ist nun »Holon: Anamnesis« ein von vorne bis hinten perfekt durchdachtes Konzeptalbum, welches man am besten – alle 66 Minuten – am Stück genießen sollte. Ich bin mir obendrein ziemlich sicher, dass es dieses Jahr keinen vergleichbaren Tonträger mehr geben wird, der dermaßen clever Stile einer ganzen Plattensammlung so kohärent verbindet.
VÖ: 30.08.2012, Midsummer Records




















